Ricercare

Titel
Ricercare
für Orgel
Dauer
4:00
Anzahl Mitwirkende
1
Entstehung
1953
Widmung
Omaggio a Girolamo Frescobaldi
Kommentare des Komponisten zum Werk

1951 bat mich ein Kollege, Sándor Margittay, um ein Orgelstück. Ich »ergänzte« und »verbog« ein Thema Frescobaldis. Schon damals schwebte mir eine Art Zwölftonmusik vor, weil das »Mode« war, obwohl wir in Budapest weder Schönberg noch Webern kannten – und Berg nur ein wenig von früher, als seine Musik noch nicht völlig verboten war. So schrieb ich das halb schulmäßige, halb persiflierende Ricercare. Die chromatische Musiksprache war im Keim schon bei Frescobaldi vorgegeben. Selbstverständlich konnte das Stück nicht aufgeführt werden – alle »neue« Kunst war damals vom kommunistischen Regime strengstens verboten. Man könnte die extreme Monotonie des Stückes – und auch die beckmesserischen Augmentationen, Diminutionen und Engführungen – als Chiffre der schrecklichen Gewaltherrschaft Stalins und Rákosis auffassen, doch eine solche politische Interpretation möchte ich nur andeuten, nicht forcieren. Der junge Kontrapunktlehrer verhielt sich scheinbar äußerst brav. (Dabei hasste ich das System zutiefst, genauso wie die Nazi-Diktatur. Bis ans Ende meines Lebens bin ich gezeichnet und überwältigt von Rachephantasien, was meine »westlichen« Kollegen nicht verstehen können.) Etwas später habe ich dann dieses Ricercare für Klavier adaptiert.

Einführungstext für das Begleitheft zur CD-Edition bei Sony Classical (György Ligeti Edition 6, »Keyboard Works«, SK 62307), 1997.

Abdruck aus: György Ligeti, Gesammelte Schriften (Veröffentlichungen der Paul Sacher Stiftung, Bd. 10), hrsg. von Monika Lichtenfeld, Mainz: Schott Music 2007, Bd. 2, S. 184-185. © Paul Sacher Stiftung, Basel und Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz, Bestellnummer: PSB 1014

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