Éjszaka · Reggel

Titel
Éjszaka · Reggel
Zwei a-cappella-Chöre nach Gedichten von Sándor Weöres für 5-8stimmigen gemischten Chor
Sprache des Werkes
(Nacht · Morgen)
Dauer
4:00
Entstehung
1955
Uraufführung
1968-03-16

Stockholm · Radio-Kammerchor · Dir.: Eric Ericson

Audio
Copyright

György Ligeti Edition Vol. 2 © 1996 Sony Music Entertainment Inc./ ℗ 1996 Sony Classical
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Kommentare des Komponisten zum Werk

Éjszaka (Nacht) und Reggel (Morgen) sind zwei zusammenhängende Stücke – das heißt sie bilden zwei Sätze einer einheitlichen Komposition – für fünfstimmigen, an Divisi-Stellen auch zehn und mitunter noch mehr Stimmen umfassenden gemischten Chor a cappella nach zwei kurzen Gedichten des bedeutenden ungarischen Dichters Sándor Weöres. Ich habe diese Stücke 1955 in Budapest komponiert. Sie sind die letzten einer Reihe von mehr als dreißig A-cappella-Werken, die ich in jenen Jahren komponierte, als ich zunächst als Student an der Musikakademie, dann als Tonsatzlehrer am gleichen Institut in Budapest lebte.

Dem Textinhalt nach handelt es sich gleichsam um »Momentaufnahmen« von Stimmungen. Sándor Weöres hat viele Hunderte solcher sehr kurzen, momentaufnahmeartigen Gedichte geschrieben – Gedichte in knappen, konzentrierten Bildern, die auch emotional stark verdichtet sind. Gleichzeitig benutzt er die onomatopoetischen Möglichkeiten der ungarischen Sprache. In Éjszaka erscheint uns die Nacht als ein unermesslicher Dschungel, eine Wildnis voll magischer Stille. In Reggel sind Hahnengeschrei und Glockengeläut zu einem grellbunten, surrealistischen Gemälde des frühen Morgens zusammengefügt. In meiner stilistischen Entwicklung haben diese beiden kleinen Chorstücke insofern eine Schlüsselfunktion, als sie genau den Übergang von der Bartók-Nachfolge zur Ausbildung des eigenen reifen Stils (komplexe Polyphonie und Klangflächen) dokumentieren. In Nacht tauchen zum ersten Mal die durch kanonartige Stimmführung aufgebauten Clusterflächen auf – hier als Gegenüberstellung von diatonischem Cluster und pentatonischem Klang. Morgen ist eines der frühesten Beispiele einer »maschinenähnlichen« automatischen Imitatorik, der montageartigen Übereinanderschichtung von Klangebenen.

Einführungstext zur Aufführung im Rahmen des Musikprotokolls im Steirischen Herbst Graz am 4. Oktober 1984.

Abdruck aus: György Ligeti, Gesammelte Schriften (Veröffentlichungen der Paul Sacher Stiftung, Bd. 10), hrsg. von Monika Lichtenfeld, Mainz: Schott Music 2007, Bd. 2, S. 164-165. © Paul Sacher Stiftung, Basel und Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz, Bestellnummer: PSB 1014

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